Auch in diesem Jahr souverän bleiben, selbst wenn es eng wird!
- Thomas Röhrßen

- 10. Jan. 2024
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Jan.

Es hat sich in einem Jahr nicht viel zum Positiven verändert, oder? Stand 2025 und 2026: weiter Krieg in Europa, Gaza-Streifen bleibt Krisengebiet, Europa unter Druck, Wirtschaftsdepression und Infrastrukturdefizite in Deutschland, Krise im Gesundheitswesen und allgemeiner Fachkräftemangel – und manche stehen aktuell unternehmerisch mit dem Rücken an der Wand. Wir leben in unsicheren Zeiten. Wie kann man in diesen Zeiten souverän bleiben? Und was heißt eigentlich "souverän"? Welchen Beitrag leistet die Psychologie zur Souveränität? Der Löwe, mächtig und majestätisch, stolz ohne Hochmut und bei allem: gelassen. Ein Souverän! Er symbolisiert viele Facetten dieser psychologischen Kraft.
Die KI beschreibt „souverän“ als einen Zustand oder eine Eigenschaft eines Menschen,„der über eine selbstbestimmte Autorität, Kontrolle oder Unabhängigkeit verfügt. Es bedeutet, in einer Situation selbstbewusst, gelassen und überlegen zu sein“
Eine souveräne Gelassenheit und "Löwenkraft" ist eng mit dem psychologischen Konzept der Core Self Evaluations (CSE) verbunden ist.
Dieses Konzept beschreibt 4 zentrale Selbstbewertungen und Einstellungen, die unser ganzes Selbst- und Welterleben prägen:
die interne Kontrollüberzeugung
die Selbstwirksamkeitserwartung
die emotionale Stabilität und
das Selbstwertgefühl.
Im Einzelnen:
Externe oder interne Kontrollüberzeugung: Haben Sie die Kontrolle? Die Verunsicherten sehen sich eher fremdbestimmt von anderen Menschen, von äußeren Gegebenheiten oder dem persönlichen Schicksal. Das Gefühl, keinen großen Einfluss zu haben, dominiert. Das nennen wir eine externe Kontrollüberzeugung. Die Souveränen hingegen haben das Gefühl, alles irgendwie doch unter Kontrolle zu haben. Man bleibt Regisseur in seiner Welt und glaubt fest daran, dass man immer ausreichend Einfluss nehmen und gestalten kann. Und wenn äußerlich nichts geht, dann ändert man sich eben selbst. Mit Gelassenheit und Akzeptanz nimmt man die Dinge an, die man nicht ändern kann:
"Man gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." (in Anlehnung an das Gelassenheitsgebet nach Karl Paul Reinhold Niebuhr)
Niedrige oder hohe Selbstwirksamkeitserwartung: Können Sie es wirklich? Die Verunsicherten haben vor allem in Engpässen und Krisen das Gefühl, nicht ausreichend über eigene Fähigkeiten und Ressourcen zu verfügen, um den Anforderungen gewachsen zu sein. Gelernte Hilflosigkeit. Die Souveränen hingegen haben das Gefühl, über alles zu verfügen, was sie brauchen. Sie glauben an ihre Kompetenz und Wirksamkeit auch in der Krise: „Yes, I can“.
Kommt man einmal nicht allein zurecht, dann bleibt man ruhig, denn man hat im eigenen Mindset immer noch einen Schlüssel in der Hand: die tiefe Überzeugung, im eigenen Netzwerk die richtige Unterstützung zu bekommen.
Emotionale Labilität oder Stabilität: Ist für Sie alles am Ende und im Grunde gut?Die Verunsicherten werden beim Blick in die Welt immer wieder von Ängsten, Sorgen und negativen Vorahnungen geplagt. Sie sind angesichts von Krisen dünnhäutig und emotional labil. Ihnen fehlt die Gewissheit, dass es am Ende gut wird. Die Souveränen sind grundsätzlich zuversichtlich und emotional stabil auch in Krisen. Ganz im Sinne von Oscar Wilde:
„Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende“.
Die Souveränen erhalten sich eine emotionale Distanz zum düsteren Geschehen, ohne die Realität zu verleugnen.
Niedriger oder hoher Selbstwert: Sind Sie ganz ok? Die Verunsicherten hadern häufig mit sich selbst, wenn etwas schief läuft. Und sie nehmen Kritik gern auch mal persönlich: „Dann bin ich nicht ok.“ Die Souveränen ganz im Gegenteil: Sie erhalten sich bei persönlichen Fehlern, Krisen und im Scheitern einen positiven Selbstwert, den sie aus ihrer Sicht immer verdient haben. Ihr Selbstwert bleibt bei Kritik und in Krisen stabil. Sie sind einfach nicht zu irritieren und zu kränken. Egal was ist, für sie gilt der Satz: „Ich bin ganz ok!“
Neben diesen 4 zentralen Selbstbewertungen (Core Self Evaluations) gibt es weitere Facetten der Souveränität, die unbedingt einzubeziehen sind:
die Sinnstiftung und Ausrichtung auf Werte
die Nähe und Verbundenheit zu den Menschen
die individuelle Selbstbestimmung
die Selbstvergessenheit im Flow-Erleben und
die ernstgemeinte Heiterkeit.
Motive, Sinn und Werte: Kennen Sie Ihre Bedürfnisse, macht alles Sinn für Sie? Machen Sie doch einfach morgen früh mal eine Übung: Fragen Sie sich vor dem Aufstehen, wofür es sich lohnt, aufzustehen. Wenn Ihnen nichts einfällt, bleiben Sie erstmal liegen. Suchen Sie dann einfach weiter nach den inneren Treibern, die Sie wohlgelaunt und entschlossen aufstehen lassen. Haben Sie es? Dann haben Sie einen Wertekompass. Viktor Frankl, der Psychiater und Begründer der Logo-Therapie (von Logos = Sinn) sagt: „Das Leben hat unter allen Umständen Sinn; sei es durch Gestalten einer Situation oder im tapferen Ertragen des Unabänderlichen!“.
Viktor Frankl weiß, wovon er spricht. Er hat in der Nazizeit mehrere Konzentrationslager u.a. auch deshalb überlebt, weil er dem existenziellen Durchhalten einen Sinn gegeben hat. Wer dem Leben Sinn verleiht und auch dem Leiden einen Sinn abringt, der steht auf und meistert sein Leben. Die Verunsicherten wissen nicht, was sie wollen. Die Souveränen hingegen haben einen klaren Wertekompass, findet ihren Sinn und haben einen Auftrag im Leben. Sie richten ihr tägliches Leben konsequent daran aus.
Nähe: Sind Sie ganz nah und verbunden?
Die Verunsicherten sind misstrauisch, halten vorsichtig Distanz und fühlen sich in der Gemeinschaft nicht immer vertrauensvoll getragen. Die Souveränen hingegen bauen unkompliziert Nähe auf und können sie in der Tiefe zulassen. Sie spüren Resonanz und Empathie im Umgang mit anderen Menschen. Sie spiegeln sich im Gleichen und tolerieren die Unterschiede. Ihre Souveränität ist auch darin begründet, dass sie mitfühlen und verstehen können. Es gelingt ihnen auch, negative Emotionen und Spannungen in der Beziehung auszuhalten. Auch dann bleiben sie zugewandt und nah.
Autonomie: Sind Sie ganz klar und selbstbestimmt? Die Verunsicherten sind manchmal hoffnungslos verstrickt in ihre sozialen Beziehungen. Sie können sich nicht gut abgrenzen und sich nicht ausreichend für eigene Bedürfnisse und Interessen einsetzen. Die Souveränen hingegen wahren bei aller Nähe immer auch die eigene Autonomie. Sie können ihre ureigenen Bedürfnisse und Interessen im Kontakt mit anderen Menschen ausdrücken und verwirklichen. Sie sind innerlich unabhängig. Wer verbunden und selbstbestimmt ist, der hat das, was der Familientherapeut Helm Stierlin „bezogene Individuation“ nennt: Nähe und Autonomie in gelungener Balance. „Ein sozial kompetentes Verhalten ist dadurch gekennzeichnet, dass der Akteur seine eigenen Ziele erfolgreich verwirklicht, dabei gleichzeitig aber die Interessen der hiervon betroffenen Menschen achtet. Im Idealfall trägt soziale Kompetenz mithin zur Interessenverwirklichung aller Parteien bei.“ (Uwe Peter Kanning. Diagnostik sozialer Kompetenzen. Göttingen 2009. S. 9)
Selbstvergessenheit: Sind Sie im Flow? Die Verunsicherten klammern sich an ein festes Selbstbild und ihr Ego. Souverän ist aber, wer sein Selbst auch mal loslassen, den Zustand der Ich-Bezogenheit verlassen und sein Ego abschalten kann. Neurowissenschaftler haben entdeckt, dass unser Gehirn auf das sogenannte „Default Mode Network“ (Ruhezustandsnetzwerk) umschaltet, wenn wir nicht zielorientiert, aufmerksam und fokussiert auf etwas sind. In diesem tagträumerischen Zustand sind wir selbstvergessen. Wir dösen auf hohem Niveau. Denn in diesem spontanen Spiel der Assoziationen im Gehirn liegt eine Quelle der Kreativität. Die Souveränen nutzen diese selbstvergessene und unbewusste Kraft, die ihr Selbst ständig verändert und erweitert.
Es gibt kaum evidenzbasierte Hinweise auf eine weitere Facette der Souveränität, die ich nicht unerwähnt lassen möchte: die ernstgemeinte Heiterkeit.
„Ein heiterer Mensch zu sein, bedeutet nicht, das Schwere zu ignorieren, sondern es in etwas Leichtes zu verwandeln.“
(Axel Hacke, Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten,2023).
Wir greifen auf die Methode des Re-Framing zurück (frame = Rahmen). Wir geben dem schweren Geschehen einen neuen leichteren und annehmbareren Bedeutungsrahmen für uns. Damit verändern wir unsere Wirklichkeitskonstruktion im Kopf, ohne die teilweise bittere Realität zu verleugnen. Einem hoffnungslos zerstrittenen Paar sagen wir dann nicht „Oh Gott, wie schlimm“, sondern: „Unglaublich, ich bin beeindruckt über so viel Leidenschaft im Kampf. Ihr seid euch anscheinend nicht gleichgültig, kämpft noch und wollt noch etwas voneinander“. Ist diese Aussage nicht zutreffend?
Bei allem also: Frohes Neues Jahr!

Thomas Röhrßen ist Dipl.- Psychologe, Coach und Unternehmensberater. Er führt Projekte zur Strategie- und Strukturentwicklung sowie zur Personal- und Kulturentwicklung in Unternehmen unterschiedlicher Branchen durch. Als Leadership Experte hat er ein psychologisch fundiertes Führungskonzept entwickelt, bei dem das persönliche Selbstmanagement im Zentrum steht. Auf der Grundlage des von ihm entwickelten „LEADERSHIP PERFORMANCE NAVIGATORS“ führt er seit 35 Jahren Führungstrainings und Coaching durch.




Es ist eine brutale Zeit angebrochen und es kommt immer noch etwas nach. In diesen Zeiten ist es wirklich wichtig cool zu bleiben. Es wäre schön, wenn sich meine Mitarbeiter/Kolleg:innen einem Re-Framing unterziehen würden.