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  • AutorenbildThomas Röhrßen

Souverän bleiben, auch wenn es eng wird!

Aktualisiert: 1. Mai



Ein Beitrag von Thomas Röhrßen


Krieg in Europa und Nahost, Inflation und Schuldenbremse, Wirtschaftsdepression und Krise im Gesundheitswesen, Infrastrukturdefizite und Fachkräftemangel – und manche stehen aktuell unternehmerisch mit dem Rücken an der Wand. Wir leben in unsicheren Zeiten. Wie kann man in diesen Zeiten souverän bleiben? Und was heißt eigentlich souverän? Welchen Beitrag leistet die Psychologie zur Souveränität? Der Löwe, mächtig und majestätisch, stolz ohne Hochmut und bei allem: gelassen. Ein Souverän! Er symbolisiert viele Facetten dieser psychologischen Kraft.


Die KI-App beschreibt „souverän“ als einen Zustand oder eine Eigenschaft eines Menschen,„der über eine selbstbestimmte Autorität, Kontrolle oder Unabhängigkeit verfügt. Es bedeutet, in einer Situation selbstbewusst, gelassen und überlegen zu sein“ (Genie-AI GBT 3.5).


Einige meiner Kunden, Coachingklienten und Blog-Leser wissen bereits, dass eine souveräne Gelassenheit aus meiner Sicht eng mit dem psychologischen Konzept der Core Self Evaluations (CSE) verbunden ist. Das Konzept beschreibt 4 zentrale Selbstbewertungen und Einstellungen, die unser ganzes Selbst- und Welterleben prägen: die Kontrollüberzeugung, die Selbstwirksamkeitserwartung, die emotionale Stabilität und das Selbstwertgefühl.


Im Einzelnen:


Externe oder interne Kontrollüberzeugung: Haben Sie die Kontrolle? Der Verunsicherte (die weibliche Form ist nachfolgend immer mitgemeint) sieht sich eher fremdbestimmt von anderen Menschen, von äußeren Gegebenheiten oder dem persönlichen Schicksal. Das Gefühl, keinen großen Einfluss zu haben dominiert. Das nennen wir eine externe Kontrollüberzeugung. Der Souveräne hingegen hat das Gefühl, alles irgendwie unter Kontrolle zu haben. Er ist Regisseur in seiner Welt und glaubt fest daran, dass er immer ausreichend Einfluss nehmen und gestalten kann. Und wenn äußerlich nichts geht, dann ändert er sich selbst. Mit Gelassenheit und Akzeptanz nimmt er die Dinge an, die er nicht ändern kann.

Niedrige oder hohe Selbstwirksamkeitserwartung: Können Sie es wirklich? Der Verunsicherte hat vor allem in Engpässen und Krisen das Gefühl, nicht ausreichend über eigene Fähigkeiten und Ressourcen zu verfügen, um den Anforderungen gewachsen zu sein. Der Souveräne hingegen hat das Gefühl, über alles zu verfügen, was er braucht. Er glaubt an seine Kompetenz und Wirksamkeit auch in der Krise: „Yes, I can“. Kommt er einmal nicht allein zurecht, dann bleibt er ruhig, denn er hat in seinem Mindset immer noch einen Schlüssel in der Hand: die tiefe Überzeugung, in seinem Netzwerk die richtige Unterstützung zu bekommen.

Emotionale Labilität oder Stabilität: Ist für Sie alles am Ende und im Grunde gut?Der Verunsicherte wird beim Blick in die Welt immer wieder von Ängsten, Sorgen und negativen Vorahnungen geplagt. Er ist angesichts von Krisen dünnhäutig und emotional labil. Ihm fehlt die Gewissheit, dass es am Ende gut wird. Der Souveräne ist grundsätzlich zuversichtlich und emotional stabil auch in Krisen. Ganz im Sinne von Oscar Wilde: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende“. Er erhält sich eine emotionale Distanz zum düsteren Geschehen, ohne die Realität zu verleugnen.

Niedriger oder hoher Selbstwert: Sind Sie ganz ok? Der Verunsicherte hadert häufig mit sich selbst, wenn etwas schiefläuft. Und er nimmt Kritik gern auch mal persönlich: „Ich bin nicht ok.“ Der Souveräne ganz im Gegenteil: Er erhält sich bei persönlichen Fehlern, Krisen und im Scheitern einen positiven Selbstwert, den er aus seiner Sicht immer verdient hat. Sein Selbstwert bleibt bei Kritik stabil. Er ist einfach schwer kränkbar. Egal was ist, für ihn gilt der Satz: „Ich bin ganz ok!“


Aus meiner Sicht gibt es aber noch weitere Facetten der Souveränität, die unbedingt einzubeziehen sind: die Sinnstiftung und Ausrichtung auf Werte, die Nähe und Verbundenheit, die individuelle Selbstbestimmung, die Selbstvergessenheit und das Flow-Erleben.

Motive, Sinn und Werte: Kennen Sie Ihre Bedürfnisse, macht alles Sinn für Sie? Machen Sie doch einfach morgen früh mal eine Übung: Fragen Sie sich vor dem Aufstehen, wofür es sich lohnt, aufzustehen. Wenn Ihnen nichts einfällt, bleiben Sie erstmal liegen. Suchen Sie weiter nach dem inneren Treiber, mit dem Sie wohlgelaunt und entschlossen aufstehen können. Viktor Frankl, der Psychiater und Begründer der Logo-Therapie (von Logos = Sinn) sagt: „Das Leben hat unter allen Umständen Sinn; sei es durch Gestalten einer Situation oder im tapferen Ertragen des Unabänderlichen!“.  Viktor Frankl weiß, wovon er spricht. Er hat in der Nazizeit mehrere Konzentrationslager u.a. auch deshalb überlebt, weil er dem existenziellen Durchhalten einen Sinn gegeben hat.Wer dem Leben Sinn verleiht und auch dem Leiden einen Sinn abringt, der steht auf und meistert sein Leben. Der Verunsicherte weiß nicht, was er will.  Der Souveräne hingegen hat einen klaren Wertekompass, findet seinen Sinn und hat einen Auftrag im Leben. Er richtet sein tägliches Leben konsequent daran aus.

Nähe: Sind Sie ganz nah und verbunden? Der Verunsicherte hält vorsichtig Distanz und fühlt sich in der Gemeinschaft nicht immer vertrauensvoll getragen. Der Souveräne hingegen baut Nähe unkompliziert auf und kann sie zulassen. Er spürt Resonanz und Empathie im Umgang mit den anderen Menschen. Er spiegelt sich im Gleichen und im Unterschiedlichen. Seine Souveränität ist auch darin begründet, dass er mitfühlen und verstehen kann. Es gelingt ihm auch, negative Emotionen und Spannungen in der Beziehung auszuhalten. Er bleibt zugewandt und nah.

Autonomie: Sind Sie ganz klar und selbstbestimmt? Der Verunsicherte ist manchmal hoffnungslos verstrickt in seine sozialen Beziehungen. Er kann sich nicht gut abgrenzen und sich nicht ausreichend für eigene Bedürfnisse und Interessen einsetzen. Der Souveräne hingegen wahrt bei aller Nähe immer auch seine eigene Autonomie. Er kann seine ureigenen Bedürfnisse und Interessen im Kontakt mit anderen Menschen ausdrücken und verwirklichen. Er ist innerlich unabhängig. Wer verbunden und selbstbestimmt ist, der hat das, was der Familientherapeut Helm Stierlin „bezogene Individuation“ nennt: Nähe und Autonomie in gelungener Balance.

Selbstvergessenheit: Sind Sie im Flow? Der Verunsicherte klammert sich an ein festes Selbstbild und sein Ego. Souverän ist aber, wer sein Selbst auch mal loslassen, den Zustand der Ich-Bezogenheit verlassen und sein Ego abschalten kann. Neurowissenschaftler haben entdeckt, dass unser Gehirn auf das sogenannte „Default Mode Network“ (Ruhezustandsnetzwerk) umschaltet, wenn wir nicht zielorientiert, aufmerksam und fokussiert auf etwas sind. In diesem tagträumerischen Zustand sind wir selbstvergessen. Wir dösen auf hohem Niveau. Denn in diesem spontanen Spiel der Assoziationen im Gehirn liegt eine Quelle der Kreativität. Der Souveräne nutzt genau diese unbewusste Kraft, die sein Selbst ständig verändert und erweitert.


Es gibt kaum evidenzbasierte Hinweise auf eine weitere Facette der Souveränität, die ich nicht unerwähnt lassen möchte: die ernstgemeinte Heiterkeit. „Ein heiterer Mensch zu sein, bedeutet nicht, das Schwere zu ignorieren, sondern es in etwas Leichtes zu verwandeln.“  (Axel Hacke, Über die Heiterkeit in schwierigen Zeiten)

Wir greifen auf die Methode des Re-Framing zurück (frame = Rahmen). Wir geben dem schweren Geschehen einen neuen leichteren und annehmbareren Bedeutungsrahmen für uns. Damit verändern wir unsere Wirklichkeitskonstruktion im Kopf, ohne die Realität zu verleugnen. Einem hoffnungslos zerstrittenen Paar sagen wir dann nicht „Oh Gott, wie schlimm“, sondern: „Unglaublich, ich bin beeindruckt über so viel Leidenschaft im Kampf. Ihr seid euch anscheinend nicht gleichgültig, kämpft noch und wollt noch etwas voneinander. Das ist echt gut.“


Für das neue Jahr 2024 wünsche ich Ihnen gerade auch in schwierigen Zeiten viel Souveränität. Wechseln Sie ab und zu Ihren Betrachtungsrahmen und schalten Sie immer mal wieder ab, um sich selbst zu vergessen und sich aus der Tiefe zu erneuern.







Thomas Röhrßen ist Dipl.- Psychologe, Coach und Unternehmensberater. Er führt Projekte zur Strategie- und Strukturentwicklung sowie zur Personal- und Kulturentwicklung in Unternehmen unterschiedlicher Branchen durch. Als Leadership Experte hat er ein psychologisch fundiertes Führungskonzept entwickelt, bei dem das persönliche Selbstmanagement im Zentrum steht. Auf der Grundlage des von ihm entwickelten „LEADERSHIP PERFORMANCE NAVIGATORS“ führt er seit 30 Jahren Führungstrainings und Coaching durch.


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1 Comment


Jens Roehrssen
Jens Roehrssen
Jan 11

Es ist eine brutale Zeit angebrochen und es kommt immer noch etwas nach. In diesen Zeiten ist es wirklich wichtig cool zu bleiben. Es wäre schön, wenn sich meine Mitarbeiter/Kolleg:innen einem Re-Framing unterziehen würden.

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