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  • Thomas Röhrßen

Robust, resilient oder antifragil?

Aktualisiert: Aug 22



Die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner hat in einer großen Langzeitstudie insgesamt 700 Hawaiianer im Lebensalter von 1, 2, 10, 18, 32 und 40 Jahren untersucht. Sie beobachtete und analysierte vor allem eine Risikogruppe: Menschen, die in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen und Traumatisches erlebt haben. Und sie war überrascht: Ein Drittel dieser Kinder und Heranwachsenden aus der Risikogruppe entwickelte sich vollkommen positiv!

Stressforscher, Gesundheitsexperten und Psychologen haben sich lange Zeit nur mit den schädlichen Folgen von belastenden und traumatischen Erlebnissen befasst. Seit einigen Jahren befinden wir uns allerdings in einer Wende. Dafür steht das neue Zauberwort Resilienz.

„Resilienz, so zeigt die Forschung, ist mehr als Anpassung an widrige Verhältnisse, ist mehr als pures Durchstehen oder Überleben. Resilientes Verhalten zeigt ein Mensch nicht trotz widriger Umstände, sondern wegen dieser. Extreme Stresserfahrungen können Stärken in einem Menschen hervorrufen, die er selbst bis dahin niemals für möglich gehalten hätte.“ (Ursula Nuber in Psychologie heute 9/2005)


Es kommt noch besser: Resilienz ist eine Fähigkeit, die man erlernen kann! Manchmal allerdings erst in Krisen.

Genauer noch: Resilienz beruht auf 7 erlernbaren Schlüsselkompetenzen:


1. Akzeptanz ist eine Grundhaltung, bei der ich der Realität ins Auge sehe – auch wenn sie sehr schmerzlich für mich ist. Ich hadere nicht mit der Realität und sage ihr nicht, wie sie sein sollte, könnte oder müsste. Ich nehme sie an, so wie sie ist - mit allen Konsequenzen!

2. Optimismus ist das Vertrauen darauf, dass Krisen zeitlich begrenzt sind und überwunden werden können. Ich glaube fest daran, dass es irgendwann und irgendwie besser wird.

3. Verantwortung übernehmen heißt, sich unangenehmen Einsichten zu stellen und die Konsequenzen zu tragen. Ich trage Verantwortung, aber nicht die Sündenbockrolle.

4. Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, dass der Einzelne immer auch Einfluss auf sich und die Welt nehmen kann. Ich trete aus der Opferrolle heraus und greife ein.

5. Lösungsorientierung heißt Ausstieg aus der Problemhypnose. Ich suche nach Lösungen. Und ich sehe Chancen, Möglichkeiten und Ressourcen für den Wandel.

6. Netzwerkorientierung beschreibt die Fähigkeit, ein stabiles soziales Umfeld zu pflegen und sich Unterstützung zu holen. Ich lasse mir wirklich helfen!

7. Zielorientierung bedeutet, sich um die eigene (Über-) Lebensperspektive zu kümmern und diese zu planen. Ich schaue voraus, bereite mich vor und sorge für eine positive Zukunft.


Doch Nassim Nicholas Taleb fragt in seinem aktuellen praktisch-philosophischen Werk „Anti-Fragilität“, ob uns der aus der Physik und Materialkunde stammende Begriff der Resilienz überhaupt weiter bringt. Resilient ist der Gummiball („Flummi“), der gegen die Wand geworfen wird, flexibel nachgibt und dann völlig unversehrt in den alten Zustand zurückkehrt. Bravo, das ist eine besondere Form der Anpassungsfähigkeit unter Druck. Aber ist das unser Ziel?


„Fragil“, „robust“ und „resilient“ – all das sind für Taleb keine wünschenswerten Eigenschaften von Menschen und sozialen Systemen. Anti-fragil sollen sie sein! Sie sollten unter Druck, Unsicherheit, Störungen und Stress nicht immer wieder in den alten Zustand zurückkehren, sondern optimal wachsen. Antifragile Systeme sind stresshungrig und lernfähig. Sie freuen sich auf das Zufällige und Unbestimmte, um sich darauf immer wieder neu einzustellen. Sie hadern nicht lange, sondern fragen schon früh nach dem elementaren Sinn und Zweck dieser Ereignisse. Dieses Lernen und Wandeln macht sie weniger störanfällig. Denn sie nutzen sich unter Druck nicht einfach ab wie Waschmaschinen, die zur Wartung und Reparatur geschickt werden. Im Gegenteil: in angemessener Dosierung sind Krisen, Schädigungen und Schmerzen für Menschen lebenserhaltend und wachstumsfördernd. Auch Corona kann das leisten. Nur passiv hingenommene Krisen und chronischer Stress führt zu Zusammenbrüchen und Burnout.


Gibt es antifragile Unternehmen? Ja, das ist vor allem eine Frage der Kultur. Antifragile Unternehmen wachsen an Stresstests. Sie schätzen Fehler, brauchen Krisen, lieben Irrtümer, lassen sich provozieren und schockieren. Sie verweilen nicht im Schein sicherheitsspendender Führungsorgane, Routinen und Programme. Sie sind agil. In Ihrem Ereignismanagement hinterfragen Sie das scheinbar Zufällige und Ungewisse. Sie sind aufmerksam, anpassungsfähig und lernen schnell. Globale Krisen, Leistungs- und Qualitätsprobleme, Imageverluste, Umsatzeinbussen, Liquiditätsenpässe und Insolvenzgefährdung fordern Unternehmen dazu auf, neue Ansätze und Lösungen zu wagen. Jetzt muss sich zeigen, welche Unternehmenskulturen bereits antifragil sind, welche es noch werden können und welche nicht mehr überlebensfähig sind. Ist Ihr Unternehmen noch komfortabel situiert? Dann müssen Sie ihm und Ihren Mitarbeitern Stress in angemessener Dosierung zufügen. Oder Sie müssen auf kleinere oder größere Katastrophen hoffen, die zur Veränderung zwingen.

Wenn die Erschütterungen nicht frühzeitig mit dem Radar erfasst, analysiert und in Wandel umgesetzt werden, bleibt Ihr Unternehmen tendenziell existenzgefährdet, auch wenn es sich für viele darin noch lange nicht so anfühlt.

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